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„Sichere“ Entnahmerate und die 4-%-Regel

Wie viel du jährlich entnehmen kannst, ohne dein Kapital aufzubrauchen: die 4-Prozent-Regel, ihre Grenzen und was die Forschung wirklich zeigt.

7 Min. Lesezeit

Du hast ein investiertes Kapital und musst die nächsten dreißig Jahre davon leben. Wie viel kannst du jährlich entnehmen, ohne vor dem Ende des Zeitraums vor leeren Konten zu stehen? Das ist die zentrale Frage jeder Ruhestandsplanung, und zugleich die schwierigste, auf die man mit einer einzigen Zahl antworten soll. Die „sichere“ Entnahmerate, im Englischen „Safe“ Withdrawal Rate oder kurz SWR, ist der bekannteste Versuch einer Antwort. Die Anführungszeichen um „sichere“ markieren einen Sachverhalt: die Rate beschreibt, was in den analysierten historischen Fällen gehalten hat.

Was die „sichere“ Entnahmerate ist

Der SWR ist der Prozentsatz des Startkapitals, den du im ersten Ruhestandsjahr entnimmst. In jedem Folgejahr passt du diesen Betrag an die Inflation an. Kapital von 500.000 €, SWR von 4 %: im ersten Jahr entnimmst du 20.000 €. Bei einer Inflation von 3 % sind es im zweiten Jahr 20.600 € – nicht mehr 4 % des inzwischen veränderten Kapitals, sondern dieselbe Kaufkraft wie im Startjahr.

Das Kapital bleibt während der gesamten Entnahmephase investiert, typischerweise in einem Mix aus Aktien und Anleihen. Es ist kein Girokonto, das linear leerläuft. Es erwirtschaftet weiterhin Rendite, und in vielen historischen Szenarien steht am Ende sogar mehr da als am Anfang – selbst nach dreißig Jahren Entnahmen.

Die 4-Prozent-Regel und ihre Herkunft

1994 veröffentlichte der Finanzberater William Bengen eine Analyse, die die Denkweise über den Ruhestand verändert hat. Er testete verschiedene Entnahmeraten über jeden möglichen 30-Jahres-Zeitraum der US-Märkte seit 1926. Die 4 % waren die höchste Rate, die in praktisch jedem Szenario durchhielt – auch im schlechtesten aller Fälle: Wer 1966 in Rente ging, blieben ein Jahrzehnt hohe Inflation und stagnierende Märkte.

Vier Jahre später veröffentlichten drei Professoren der Trinity University die Studie, die heute jeder als Trinity Study kennt: gleiche Grundidee, breiterer Datensatz, Portfolios mit unterschiedlichen Aktien-Anleihen-Kombinationen. Sie bestätigten, dass 4 % in etwa 95 % der historischen 30-Jahres-Szenarien für ein ausgewogenes Portfolio funktionierten. Von da an wurde die Zahl zum Standard, fast schon zur Faustregel der Finanzszene.

Warum die 4 % keine magische Zahl sind

Die 4 % sind ein vernünftiger Ausgangspunkt. Drei Dinge machen die Rechnung komplizierter.

Das erste ist das Reihenfolgerisiko: Sobald Entnahmen laufen, wiegt die Reihenfolge der Renditen mindestens so schwer wie ihr Durchschnitt – und in den ersten Jahren noch mehr. Zwei Rentner mit identischer Durchschnittsrendite über dreißig Jahre können völlig unterschiedlich dastehen, je nachdem, ob am Anfang ein Crash steht oder nicht. Im ersten Fall zehren die Entnahmen das Kapital zu niedrigen Kursen auf und verkleinern dauerhaft die Basis, von der aus sich das Portfolio später erholen kann.

Das zweite: 4 % ist ein historisches Ergebnis, kein Naturgesetz. Die Zahl gilt für den Datensatz, aus dem sie berechnet wurde – US-Aktien- und Anleihemärkte des 20. Jahrhunderts. Ob sie auf andere Märkte übertragbar ist, oder auf ein Umfeld mit niedrigeren erwarteten Renditen für die kommenden dreißig Jahre als für die vergangenen dreißig, steht auf einem anderen Blatt.

Das Dritte: Bengen selbst hat seine Schätzung in einem 2025 veröffentlichten Buch nach oben korrigiert, auf 4,7 %, nachdem er weitere Anlageklassen ins ursprüngliche Portfolio aufgenommen hatte (Small Caps, Micro Caps, internationale Aktien). In die andere Richtung haben Michael Finke, Wade Pfau und David Blanchett im Journal of Financial Planning vom Juni 2013 (Band 26, Nummer 6, Seiten 46-55) Monte-Carlo-Simulationen verwendet, kalibriert auf die reale Rendite fünfjähriger TIPS im Januar 2013, −1,4 %, und die historische Aktienprämie beibehalten. Bei einem Portfolio mit 50 % Aktien scheitert eine reale Entnahme von 4 % in 57 % der Fälle über dreißig Jahre. Mit einer akzeptierten Ausfallrate von 10 % liegt der Satz, den sie erhalten, bei 2,5 %, bei einer Aufteilung nahe 45 % Aktien. Bengens 4,7 % aus dem Buch von 2025 und diese 2,5 % beantworten verschiedene Fragen: das erste erweitert die Anlageklassen auf der historischen Stichprobe, das zweite startet bei den Anleiherenditen vom Januar 2013.

Die Trinity Study und Bengens Analyse sind zwei verschiedene Rechnungen. Die etwa 95 % der Trinity sind eine Häufigkeit auf ihrer Stichprobe: 4 % haben in diesem Anteil der 30-Jahres-Szenarien gehalten, bei Portfolios mit mehr Aktien. Bengen misst den Safemax, den höchsten Satz, der auch im schlechtesten Fall seiner Stichprobe gehalten hat. Anleihen und Zeitraum decken sich nicht mit denen der Trinity. Für den Renteneintritt 1966, bei 50/50, wird Bengens Safemax mit etwa 4,15 % angegeben. Die 4 % der Regel liegen nahe an diesem Fall, in Bengens Stichprobe.

Lange Zeithorizonte: der FIRE-Fall

Die dreißig Jahre der Trinity Study reichen für jemanden, der mit 65 in Rente geht. Wer FIRE anstrebt und mit 40 aus dem Erwerbsleben aussteigt, hat einen möglichen Horizont von fünfzig Jahren oder mehr vor sich. Und hier ändert sich die Rechnung.

Eine Entnahmerate, die über dreißig Jahre trägt, trägt nicht automatisch auch über fünfzig oder sechzig. Je länger das Kapital reichen muss, desto niedriger muss die Anfangsentnahme sein, um eine ungünstige Rendite-Sequenz abzufedern. Der Unterschied zwischen den beiden Zeithorizonten ist deutlich: Der Blog Early Retirement Now, bereits in der Methodik von BacktestFolio zum Sequenzrisiko zitiert, berechnet, dass eine Entnahme von 4 % bei einem 50/50-Portfolio aus Aktien und Anleihen in rund 95 % der historischen Szenarien über dreißig Jahre trägt, aber nur in 65 % über sechzig Jahre. Daher widmet er diesem Abstand zwischen der klassischen 4-Prozent-Regel und realistischen Raten für deutlich längere Ruhestände eine ganze Analysereihe.

SWR, PWR und LTWR: drei unterschiedliche Schwellen

Der SWR beantwortet eine präzise Frage: Welches ist die höchste Rate, die im historisch schlechtesten Fall innerhalb des gewählten Horizonts nicht zum Kapitalverzehr führt? Er akzeptiert, dass das Kapital am Ende des Zeitraums praktisch bei null liegen kann.

Der PWR, Perpetual Withdrawal Rate, ist konservativer: Er ist die Rate, die das gesamte Startkapital in realen Werten erhält, selbst im schlechtesten Szenario. Sinnvoll, wenn ein Erbe hinterlassen werden soll – oder wenn das Kapital nie unter den Ausgangswert fallen soll.

Dazwischen liegt der LTWR, das arithmetische Mittel aus SWR und PWR: weder reines Überleben noch vollständiger Kapitalerhalt, sondern ein Kompromiss.

Ein Rechenbeispiel

Zwei US-Rentner, dieselben inflationsangepassten 4 % am Start, dieselbe 60/40-Aufteilung. Einer beginnt 1982: die dreißig Jahre enden 2012, ein abgeschlossenes historisches Fenster, in einem langen Anstieg der US-Märkte.

Der andere beginnt 2000. Seine dreißig Jahre enden 2030, ein Endkapital ist also noch keine historische Zahl. In den ersten Jahren liegen das Platzen der Internetblase und dann 2008, wenn die Entnahmen mehr wiegen. Sequence Risk ist der Unterschied in der Reihenfolge dieser beiden Startjahre. Das Fenster von 2000 ist noch offen, der Abschnitt bleibt beim Kalender.

In BacktestFolio

Die Entnahmeraten-Analyse berechnet SWR, PWR und LTWR für dein Portfolio mit zwei parallelen Methoden. Die erste nimmt jeden möglichen Startmonat in deiner historischen Zeitreihe – rund 360 Startmonate, einer pro Monat, wenn die Historie dreißig Jahre umfasst. Bei einem Horizont von dreißig Jahren ist nur ein Fenster vollständig historisch. Die anderen laufen, wenn die echten Daten enden, mit simulierten Renditen weiter, standardmäßig mit Stationary Bootstrap, wie es die Methodik der Seite beschreibt. Danach prüft sie, in wie vielen dieser Starts das Kapital durchgehalten hätte. Das ist dieselbe Logik wie bei der Trinity Study, nur angewendet auf das Portfolio, das du selbst zusammengestellt hast. Die zweite Methode erzeugt Tausende künftiger Szenarien per Monte-Carlo-Simulation, standardmäßig mit Stationary Bootstrap, um auch Marktbedingungen zu erfassen, die historisch noch nicht aufgetreten sind.

Du kannst den Horizont bis auf 80 Jahre verlängern – den oben beschriebenen FIRE-Fall –, einen Steuersatz auf die Entnahme anwenden, um die tatsächliche Nettokaufkraft zu sehen, und einen Glidepath aktivieren, der die Aktienquote in den ersten Ruhestandsjahren schrittweise erhöht, um genau dieses Reihenfolgerisiko abzufedern. Horizont, Steuersatz und Glidepath stellst du in den Parametern ein.

Im Backtest findest du sie mit Plus und Pro, angewendet auf dein Portfolio: dort gibt es sowohl die historische Auswertung als auch Monte Carlo. In Aktion siehst du sie in der 60/40-Demo auf der Seite Backtest: dort ist sie schon berechnet. Für einen geführten Weg zum Thema Entsparphase, mit der 25er-Regel als schneller Schätzung und anschließend dem Monte-Carlo-Stresstest im Planner, gibt es den FIRE-Rechner. Der Planner ist in Plus und Pro. Im Free-Plan ist die Backtest-Historie auf 10 Jahre begrenzt; Plus und Pro schalten die gesamte verfügbare Historie frei.

Häufige Fragen

Gelten die 4 % auch außerhalb der USA?

Die Zahl stammt aus US-Marktdaten. Länder mit anderer Marktgeschichte – Kriege, Währungskrisen, die im amerikanischen Datensatz fehlen – zeigen historisch oft niedrigere SWR-Werte. Genau deshalb lohnt es sich, die Rate am eigenen Portfolio zu testen, statt die Zahl blind zu übernehmen.

Siehe auch


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